Awarenesskonzept


Awarenesskonzept

Was bedeutet Awareness?

Wir alle haben gerne Spaß, das ist klar. Doch für jede Person gibt es andere Bedeutungen von Spaß und auch wo dieser Aufhört. Dabei geht es um persönliche Grenzen und gegenseitigen Respekt voreinander und den Respekt, solche Grenzen zu akzeptieren und zu verstehen.

Besonders an Orten oder in Räumen, in welchen sich viele Leute auf einmal befinden, es vielleicht laut oder dunkel ist kommt es leider immer wieder zu Überschreitungen dieser persönlichen Grenzen und Menschen die von existierenden gesellschaftlichen Machtverhältnissen bereits diskriminiert werden, sind davon oft am meisten betroffen. Dies äußert sich dann in Sexismus, sexualisierter Gewalt, Trans Feindlichkeit, Homophobie, Rassismus, Ableismus und Antisemitismus (u.a.).

Da das dafür sorgt, dass betroffene Personen sich unwohl und belästigt fühlen und unter Umständen nicht mehr bei der Veranstaltung teilnehmen möchten kann es schnell passieren, dass sie sich mit der Erfahrung alleine gelassen fühlen und auch in Zukunft nicht mehr an anderen Veranstaltungen teilnehmen möchten. Dies schließt jedoch nur noch mehr aus und festigt dadurch solche Machtverhältnisse. 


Damit auf unserer Veranstaltung keine Person damit Erfahrungen machen muss liegt es natürlich an erster Stelle an Besucher*innen achtsam und respektvoll miteinander umzugehen. Jedoch haben wir uns zusätzlich entschlossen ein Awareness Team vor Ort zu haben, damit sich alle Personen wohlfühlen können.


Was tun wir als Awareness Team?

Da das Thema dieser Kundgebung sexualisierte Gewalt und Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt ist, müssen wir davon ausgehen, dass sich Menschen mit Redebeiträgen, Informationen oder ähnlichem trotz Triggerwarnungen unsicher oder getriggert fühlen. Auch andere Formen des Unwohlseins oder Diskriminierungserfahrungen auf der Kundgebung selbst können nie ganz ausgeschlossen werden und Menschen traumatisieren oder verletzen und sollen keinen Raum bekommen sich weiter auszubreiten.


Konzept der Definitionsmacht

Definitionsmacht ist ein Konzept der solidarischen Betroffenenarbeit.Die Betroffenen haben die volle Definitionsmacht über das erlebte und können ihre Situation am besten einschätzen. Das Awareness Team stellt deshalb auch die Einschätzung von Betroffenen nicht in Frage, sondern steht solidarisch an ihrer Seite.


Awarenesstruktur für die Kundgebung

Optimal ist es, wenn sich das Awareness Team und die Organisation der Kundgebung im Vorfeld kurz kennenlernen und informiert wird wie die Kundgebung abläuft. (Wo ist was? Wann passiert was? Programmablauf , Anzahl an Gäst*innen u.s.w.)


Es können Schichten aufgeteilt werden, je nachdem wie groß das Awareness Team ist.


Ein beständiger Austausch oder Kontakt mit anderen Personen (u.a. Ordner*innen) der Veranstaltung ist gut um z.b. eventuelle Ausschlüsse von der Veranstaltung schnell durchzusetzen. Alle beteiligten Personen sollten wissen, dass es diese Awareness struktur gibt und wo sie sich aufhält um Menschen weiterleiten zu können.


Ein Rückzugsort:

Da die Kundgebung draußen stattfinden wird, ist es gut sich vorher nach einer ruhigen Ecke oder ähnlichem um zusehen, wohin sich mit einer betroffenen Person zurückgezogen werden kann. Dieser Ort ist ausschließlich für das Awareness Team und Orga zugänglich. Wasser und Snacks sind ebenfalls wichtig.


Awareness-Erkennungszeichen und Treffpunkt  für Besucher*innen:

Es wird einen Punkt mit Fähnchen oder Tischchen geben wo sich das Awareness Team aufhält. Es ist notwendig dass dort immer ein Teammitglied anwesend ist um mögliche Betroffene in Empfang zu nehmen. Hier liegt auch das Awareness Konzept ausgedruckt aus.

Die Awareness Gruppe wird sichtbar gemacht durch Armbinden und Patches auf dem Rücken.

Es sollte ebenfalls im Laufe der Veranstaltung mehrmals auf das Awareness Team und ihre Anwesenheit aufmerksam gemacht werden um Personen auf dem Laufenden zu halten.


Kommunikation:

Im vorfeld sollten die Telefonnummern des Teams ausgetauscht werden um sich zu kontaktieren auf der Kundgebung.

Es sollte ebenfalls geklärt werden an wen aus dem Orga Team sich das Awareness Team als erstes wenden kann, falls nötig.


Ablauf

Während der Schicht sind alle Teammitglieder nüchtern. Es sollte mindestens 2-4 Personen pro Schicht geben, dabei sollte auch immer eine weiblich gelesene Person dabei sein oder nicht ausschließlich hetero-cis-Männern anwesend sein.

Zu Beginn sollten sich alle kurz kennen lernen, den Ablauf besprechen, sich aufteilen.

Am Ende der Schicht sollte man sich kurz auszutauschen (Wie ist es gelaufen? Was ist passiert?)

Innerhalb des Teams sollten auch im voraus Ängste, Wünsche oder Bedürfnisse geklärt sein, damit alle eine angenehme Schicht haben.


Im Fall der Fälle

  1. Keine fremden Personen, die am Stand herumlungern

  2. Eine Person übernimmt das Gespräch

  3. Betroffene*r schildert die Situation (auch wenn Alkohol & Drogen einfluss auf die Situation haben können, ändert es nicht an der Glaubwürdigkeit der Person)

  4. Zuhören, Zeit lassen! Ein Ortswechsel zum Rückzugsort um weiter zu reden?

  5. Selbstreflexion: Bin ich dafür die richtige Person? Wäre jemand besser geeignet? Möchte ich noch ein Teammitglied dazu holen?

  6. Nachfragen - Offen nachfragen, aber nicht drängen zum Weiterreden

  7. Aufmerksamkeit schenken und zuhören - Fürs Verständnis das Gesagte der betroffenen Person wiederholen

  8. Sei zurückhaltend mit Körperkontakt, es sei denn es ist Erwünscht und für alle in Ordnung

  9. Gemeinsame Handlungsoptionen: 


    1. weggehen, weiter zuhören

    2. mit übergriffiger Person sprechen

    3. Freund*innen suchen

    4. Orga und Schutz bescheid geben, Bitte um Verweis oder Rausschmiss

    5. Falls Betroffene*r keine Hilfe mehr braucht auf die Anwesenheit und Ansprechbarkeit des Awareness Teams aufmerksam machen

    6. Letzte Frage: Können wir noch etwas für dich tun?


Worst Case

Eine Person hat ein grenzüberschreitendes, traumatisches Erlebnis auf der Kundgebung erlitten. Der*Die Täter*in befindet sich noch auf dem Gelände.

  1. Braucht die betroffene Person medizinische unterstützung?

  2. Person an einen Ort bringen wo sie sich sicher fühlt, wo sie sein möchte und mit wem

  3. Handlungsoptionen zeigen: 


    1. Täter*in kann der Veranstaltung verwiesen werden

    2. Ist es möglich Täter*in zu identifizieren?

    3. Fühlt sich der*die betroffene dazu imstande den*die Täter*in zu finden?

    4. Wenn Polizei eingeschaltet werden muss: Nur die betroffene Person kann dort anrufen, nicht das Awareness Team

    5. Der Person muss geschildert werden, was dannach passieren kann: Eine Straftat muss bewiesen werden, es kann lange dauern und auch traumatisierend sein. Ist die Person dazu in der Lage?

  4. Eigene Bedürfnisse ebenfalls beleuchten: Wie geht es mir damit? Komme ich damit alleine klar? 


Fragen um Bedürfnisse zu klären

  1. Was brauchst du gerade?

  2. Möchtest du, dass ich Vorschläge mache?

  3. Wäre es hilfreich für dich…?

  4. Was machst du in anderen Situationen, wenn es dir nicht gut geht?

  5. Ist dir nach Ablenkung?

  6. Möchtest du lieber alleine sein?

  7. Soll ich deine Freund*innen suchen?

  8. Möchtest du an einen anderen Ort?

  9. Soll ich später nochmal fragen?

  10. Meldest du dich bei mir von dir aus oder soll ich mich bei dir melden? Wann?


Nicht Aufgabe des Awareness Teams

  1. Täter*innen zu viel Aufmerksamkeit schenken

  2. Unterbrechen, bitten sich kurz zu halten

  3. Beleidigungen

  4. Verurteilen und parteiisch handeln

  5. Rausschmisse (das muss die Veranstaltungs Orga machen, das Team kann unterstützend wirken)

  6. Trauma bearbeiten (Wir sind keine Psycholog*innen)

  7. keine körperlichen Verletzungen mit Ausmaß versorgen, erste Hilfe ja, aber sonst 112 rufen

  8. Menschen, die zu viel konsumiert haben (Drogen/alkohol) aber keine Grenzüberschreitung erfahren haben werden nicht primär umsorgt