Strohhalm e.V.


Ich freue mich, am Ende dieser vielen Ansprachen zu diesem schweren Thema mit vielen belastenden Aspekten, euch noch einige positive, stärkende Gedanken mit auf den Weg geben zu dürfen. Ich arbeite seit etwa 20 Jahren bei Strohhalm, der Fachstelle zur Prävention von sexueller Gewalt an Kindern*. Und ich tue das überwiegend mit Spaß, weil ich erlebe, dass ich Veränderungen bewirken kann. Auf einem Elternabend beispielsweise sagte mir mal eine Mutter: „ Ich habe richtig gute Ideen bekommen wie ich mit meinem Kind über ein so schwieriges Thema sprechen kann ohne ihm Angst zu machen“ oder nach einer Fortbildung von einem Erzieher* zu hören, dass er sich jetzt viel sicherer im Umgang mit dem Thema fühlt und in seinem Umgang den Kindern gegenüber ein paar Dinge unbedingt verändern möchte“. Es sind mitunter nur sehr kleine Anstöße, manchmal auch große neue Erkenntnisse und Prozesse, die wir auf den Weg bringen können. Sie reihen sich aneinander wie eine lange Perlenkette…. Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und geht alle an. Kinder* zu schützen ist die Aufgabe der Erwachsenen. Diese Verantwortung darf nicht an die Kinder* delegiert werden, indem sie z.B. mit Verhaltensanforderungen überfordert werden. Kein Kind* kann sich alleine schützen! Kinder brauchen erwachsene Vertrauenspersonen in Kita, Schule und in ihrem privaten Umfeld, die ihnen respektvoll begegnen und die ihnen vermitteln, dass sie Achtung und Respekt verdienen. In jeder Schulklasse sind statistisch gesehen etwa 2 Kinder* von sexueller Gewalt durch Jugendliche oder Erwachsene betroffen. Bei Strohhalm haben wir den Schwerpunkt auf die Arbeit in Grundschulen und in Kitas gelegt und sensibilisieren dort pädagogische Fachkräfte und Eltern zu dem Thema. Durch die Aufklärung und Sensibilisierung können Faktoren, die sexualisierte Gewalt begünstigen oder erst ermöglichen reduziert werden. Wir erreichen in diesen Präventionsprogrammen neben den Erwachsenen auch die Kinder, die umfassend gestärkt und informiert werden und die Hilfewege aufgezeigt bekommen , damit die Strategien der Täter / Täter*innen möglichst nicht greifen können. Kinder* erzählen uns oft ihre eigenen Geschichten, Erfahrungen und Erlebnisse, wenn wir mit Hilfe von Rollenspielen das Thema sexuelle Gewalt aufmachen. Ein Junge erzählte uns z.B. dass sein Nachhilfelehrer neuerdings immer so nah neben ihm sitzen würde und den Arm auf seine Schulter oder sein Bein legen würde, wie das auch bei unserem Rollenspiel der Onkel gemacht hat…... Und dass er sich bislang nicht getraut habe das zu erzählen, weil es ihm irgendwie peinlich ist. Oder ich erinnere mich an ein Mädchen* in der 4. Klasse, was ½ Jahr nach unserem Besuch in der Schule einen Brief an mich zu Strohhalm schickte in dem ein Zettel war auf dem nur ein Satz stand „ Ich brauche deine Hilfe. Du weißt schon warum“ und ihr Name. So wie Strohhalm professionell für den Schutz von Kindern* eintritt, so kann jede und jeder in ihrem oder seinem Alltag dafür eintreten. Wenn wir in unserem Umfeld erleben, dass Kindern* Unrecht geschieht, sie gedemütigt werden, ihnen nicht mit Respekt begegnet wird, sie kleingemacht oder von körperlicher Gewalt betroffen sind, können wir Stellung beziehen, das Unrecht benennen und somit Kindern* die klare Botschaft vermitteln dass Erwachsene so nicht richtig handeln und sie ein Recht auf eine gewaltfreie und wertschätzende Erziehung haben. Im Rahmen unserer Arbeit an Grundschulen erleben wir immer wieder, dass allein durch die Tatsache, dass die Kinder* wichtige empowernde präventive Botschaften erhalten, eine große Entlastung eintreten kann und ihnen einen Zugang zum Hilfesystem ermöglicht. Z. B. durch die Botschaft, dass Kinder* niemals Schuld an sexueller Gewalt von Erwachsenen haben, sondern immer die Erwachsenen ganz allein dafür verantwortlich sind, hat schon häufig dazu geführt, dass sich Kinder * in unseren Schulworkshops an uns gewandt haben und sehr erleichtert darüber waren und uns mitteilen, dass sie bislang immer gedacht haben, dass sie selber Schuld daran hätten…. Was nicht weiter verwunderlich ist, weil die Täterstrategien ja genau das bewirken sollen…. Oder dass beim Thema „gewaltfreie Erziehung“ immer wieder Kinder anmerken, dass sie bislang gedacht hätten dass Eltern ihre eigenen Kinder * schon ab und zu schlagen dürften, wenn die Kinder z.B etwas Verbotenes getan hätten oder Regeln nicht befolgen würden. Kinder* benötigen Erwachsene, die Wissen über diese Themen haben, die sie unterstützen und ihr Selbstbewusstsein stärken. Dazu gehört auch ein altersangemessenes Wissen über Sexualität und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Das ist ein wesentlicher Baustein der Prävention. Über den Körper selbst zu bestimmen ist die Voraussetzung, um ein positives Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln, ihn als liebenswert und einzigartig empfinden zu können und als wertvollen und schützenswerten Teil der Persönlichkeit zu erfahren. Sexualerziehung ermöglicht es, dass Kinder* angemessen informiert sind, mit Themen die ihnen in ihrer Alltagswelt, in den sozialen Medien, in der Werbung oder sonstwo begegnen umzugehen, diese einzuordnen und heteronormativen stereotypen Bildern von Sexualität etwas entgegen zu setzten. Sexualerziehung kann einen positiven Zugang zur Sexualität als Lebensenergie für sich selbst und in Beziehung zu anderen zu ermöglichen. Durch eine diskrimminierungsbewußte Sexualerziehung können Kinder* in Kontakt treten mit den vielfältigen gesellschaftlichen Normen und Werten , mit unterschiedlichen Lebensformen und unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Hier kann die Vielfältigkeit von Geschlecht und Geschlechtsidentitäten erfahrbar gemacht werden. Für alle Kinder* ist das stärkend und ein Gewinn, für Kinder die sich Trans* oder Inter* erleben, kann es helfen sich in der eigenen Geschlechtsidentität zu finden und diese positiv zu füllen. Auch der nach wie vor verbreiteten Homophobie kann entgegengewirkt werden. Sexualerziehung wirkt hier durchaus auch gewaltpräventiv! Sexuelle Gewalt macht Angst und Ohnmächtig. Kinder* zu bestärken, ihnen einen positiven Zugang zu ihrem Körper zu ermöglichen, sie in ihrem Bestreben nach Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit zu begleiten, lässt uns aus dieser Ohnmacht heraustreten. Das ist meine Erfahrung und mein Erleben aus 20 Jahren Strohhalmarbeit. Und das ist der Motor und die Energie, die mich diese Arbeit mit Freude machen lassen. Ich wünsche uns allen etwas von dieser Energie, um möglichst vielen Kindern* diese Erfahrung von sexueller Grenzverletzung und Gewalt zu ersparen oder aber ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie bei erlebter sexueller Gewalt Hilfe bekommen und wie sie dies in ihr Leben integrieren können, wieder Vertrauen und Sicherheit erlangen können. Ich freue mich, dass ihr alle hier seid um ein Zeichen zu setzten und aufzubegehren. Ich wünsche mir sehr, dass wir im Alltag immer mehr Sensibilität und Mut entwickeln, Kindern* den Rücken zu stärken und unserer Verantwortung gerecht zu werden. Und ich möchte an der Stelle auch auf die politische Verantwortung hinweisen. Wir brauchen zur Umsetzung von Präventionsprogrammen, für die Beratung bei erlebter sexueller Gewalt, bei der Erstellung von Schutzkonzepten in den Schulen und allen anderen Kindereinrichtungen entsprechende finanzielle und personelle Mittel. Die Anfrage nach Beratung und nach Präventionsangeboten für Kindereinrichtungen aller Art wächst stetig und kann schon seit Jahren nicht annähernd erfüllt werden. Kinderschutz braucht einen höheren Stellenwert. Wir werden nicht müde auch dafür zu streiten und zu kämpfen. Ich möchte meine kleine Ansprache mit einer Aussage eines 10 jährigen Mädchens* beenden, dass nach einem Strohhalmworkshop in der Schule zu mir kam und sagte : „ Du Maria, ich bin so froh dass ich euch getroffen habe. Ich wusste vorher nicht das sexueller Missbrauch verboten ist. Ich weiß jetzt genau was ich tun kann, wenn bei mir jemand sowas machen würde, wie der Trainer in eurer Geschichte. “ Ich danke euch!

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