Rede von Catcalls of Berlin


Hallo, ich bin von der Gruppe catcallsofberlin, wir kämpfen gegen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Wir sind vor Allem auf Instagram aktiv und posten verschiedenen feministischen Content, also wenn ihr Interesse habt dann folgt uns gerne. Aber jetzt folgt erstmal ein kurzer Redebeitrag zum Thema Catcalling und zu unserer Arbeit. Triggerwarning: Sexuelle Belästigung, Sexualisierte Gewalt, Feminizide „Hey Süße, hast du Zeit?“, „komm rüber Schnecke“, „geiler Arsch“ oder einfach nur stupides Pfeifen. Wohl jede FINTA*, also Frau, Inter-, Nonbinary, Trans- oder A-gender Person, hat solche Belästigung im öffentlichen Raum bereits erlebt. Es trägt ganz passend den Namen catcalling, denn was passiert, wenn mensch eine Katze ruft? Genau, rein gar nichts und genauso wenig reagiert wohl irgendeine von uns, wenn wir Ziel dieser übergriffigen Kommentare auf der Straße oder auch sonst wo werden. Denn es fühlt sich ekelhaft, gruselig und nervig an auf diese Weise objektifiziert zu werden. Genau aus diesem Grund hat eine junge Frau in New York City 2016 den Instagram Account catcallsofnyc gegründet. Dort sammelt sie per direkt Nachricht Geschichten sexueller Belästigung im öffentlichen Raum und schreibt sie dann Wort für Wort dort, wo sie passiert sind, mit bunter Straßenmalkreide auf den Boden. Dann postet sie das ganze mit dem Hashtag Stopstreetharassment auf Instagram, sodass sowohl im echten als auch im digitalen Raum Menschen das Ganze sehen. Da catcalling ein globales Problem ist und das System sehr zugänglich ist – schließlich braucht mensch nur Kreide und ein Smartphone - haben junge Menschen auf der ganzen Welt Accounts gegründet, die nach dem selben Prinzip funktionieren. Zusammen bilden sie die Non-Profit-Organisation Chalk Back. Inzwischen erstreckt sich dieses Netzwerk auf 7 Kontinente, in 49 Ländern und über 150 Städten. Seit Februar 2019 auch in Berlin. Was mit 4 Leuten anfing ist in den letzten Jahren stark gewachsen – inzwischen sind wir eine Gruppe von 20 Aktivistis zwischen 17 und 30, die nach dem Vorbild aus New York catcalling sichtbar machen um es so zu entnormalisieren. Wir wollen auf das Problem aufmerksam machen und einen digitalen Safe Space aufbauen, in dem Betroffene gehört und ernstgenommen werden. Wir wollen allen klar machen, dass catcalling kein Kompliment ist, es ist übergriffig und nicht in Ordnung. Denn catclling ist ein Symptom des Patirarchats, ein Teil der strukturellen Unterdrückung von FINTA* und eine ständige Erinnerung, dass FINTA* egal was sie anhaben, was sie tun oder wo sie hingehen als Sexobjekte gesehen werden, die kommentiert und sexualisiert werden können. Und das verdeutlicht wiederum das größere Problem, dass hinter catcalling steht. Es ist Teil der rape culture. Mit sog. Herrenwitzen, victim blaming, Ausreden wie boys will be boys und anderen Phänomenen entmenschlicht und degradiert diese sog. Kultur FINTA*, und kulminiert in Vergewaltigung und Feminiziden. Catcalling kann niemals als für sich stehend betrachtet werden und alle, die immer noch denken es handele sich dabei um ernstgemeinte Komplimente denken nicht mit, denken nicht weiter. Denn wie krass ist es bitte, dass nicht mal gleichberechtigter Zugang für alle auf die Straße gesichert ist? Wie krass ist es, dass während FINTA* schon im frühen Alter anfangen ihre Kleidung dreimal zu überdenken, bestimmte Straßen nicht zu nehmen und nicht mehr alleine raus zu gehen manche Cis-Männer das Problem noch immer dementieren? Wie krass ist es, dass wir uns fast nirgendwo so richtig sicher fühlen? Und genau deswegen ist unsere Arbeit so wichtig. Wir wollen das Minimum – gleichen Zugang zu öffentlichem Raum und von da aus sexualisierte Gewalt an sich bekämpfen. Dabei erkennen wir als intersektionale Feministen an, dass sexistische Diskriminierung gegen marginalisierte Menschen nie alleinsteht. So oft erhalten wir Geschichten, die von Queerfeindlichkeit triefen, Kommentare, die unverblümt rassistisch sind. Wir kämpfen nicht nur gegen das Patriarchat – wir kämpfen gegen Rassismus, Queerfeindlichkeit und Ableismus. Wir kämpfen für Dekolonialismus, Antifaschismus, und eine gerechtere Welt für alle. Und das nicht nur durch street art, Bildungsarbeit, und Internetaktivismus. Wir sind nämlich der Meinung, dass Feminismus aktiv gelebt werden muss. Auch, wenn es zu catcalling kommt. Also fordern wir alle heute anwesenden auf, sich solidarisch zu zeigen, wenn sie catcalling erleben. Wenn ihr selbst betroffen seid, ist eure Sicherheit natürlich am wichtigsten – wenn ihr euch also einfach nur aus der Situation ziehen wollt, dann tut genau das. Wenn ihr keinen Bock auf Konfrontation habt, schreit einmal laut auf oder bellt den catcaller an, das kann Verwirrung stiften und so im Besten Fall den catcaller zum Nachdenken anregen. Wenn ihr Hilfe braucht, sprecht Menschen direkt an, macht alle um euch herum darauf aufmerksam, dass das was gerade passiert ist nicht ok war. Falls ihr in einer Situation nicht so schnell reagieren könnt – auch ok. Vielleicht beim nächsten Mal. Und selbst wenn nicht ist das auch nicht schlimm, ihr seid in keiner Verantwortung. Aber wenn ihr wollt, schreibt uns natürlich gerne auf Instagram, wir sind immer für euch da. Aber vor Allem: wenn ihr catcalling auf der Straße mitbekommt, dann lasst die betroffene Person nicht allein. Geht auf sie zu, fragt ob alles ok ist. Tut so, als ob ihr die Person kennt, das kann abschreckend für catcaller wirken. Unterstützt die Betroffene – wenn es denn von ihr gewünscht ist – in einer Konfrontation. Aber schaut nicht weg. Lasst das Gesagte nicht stehen. So können wir gemeinsam gleichen Zugang zu öffentlichem Raum für alle erkämpfen. In diesem Sinne finden wir es auch richtig schön hier zu sein. Danke an die Veranstalter*Innen, dass sie uns heute ein sicheres Stück Straße gewonnen haben, sodass wir ganz getrost rufen können – WHOSE STREETS? (dann antworten die Menschen auf der Kundgebung hoffentlich OUR STREETS! ) Vielen Dank! Wir sehen uns auf der Straße und hoffentlich auch auf Instagram.

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