Rede vom Körperzorn


Liebe Menschen, die heute hier zur Kundgebung "FrühjahrsRuf" gekommen sind, Zuerst einmal möchten wir den Organisator:innen dieser Kundgebung danken, dass ihr uns heute auf die Straße holt und wir gemeinsam das Thema sexualisierte Gewalt und Belästigung auf die Straße bringen. Wir sind hier, um dieses Thema endlich aus der Tabuzone zu holen und klarzustellen, dass Betroffene mit Erfahrungen nicht alleine sind. Wir sprechen heute für körperZORN. Eine feministische Kampagne, über die sich FLINTA*s bundesweit vernetzen. Auch wir streben an, Netzwerke zu stärken, um zu ermöglichen uns als große starke Masse, Sexismus in den Weg zu stellen. Schwerpunkt unserer Kampagne ist der Kampf gegen die kapitalistische und lookistische Fernseh- und Werbeindustrie. Lookismus beschreibt die Ab- bzw. Aufwertung von Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale. Es leitet sich vom englischen Wort Look also Aussehen ab. Insbesondere werfen wir den Blick auf die Fernsehshow Germanys next top model und die Sexualisierung und Objektifizierung von FLINTA* Körpern durch die Sendung. In ihrer Show ‚Germanys Next Top Model‘ lädt Heidi Klum junge FLINTA*s ein, in die Welt des Modelbusiness hineinzuschauen. In jeder Folge werden Kandidat*innen von der Jury aussortiert, die in verschiedenen Challenges, Fotoshotings oder auf dem Laufsteg nicht "überzeugen". Bis am Ende ein*e Gewinner*in bleibt. Es geht dabei nicht nur darum Germanys next topmodel zu finden, auch über Konflikte unter den Teilnehmer*innen wird ausführlich berichtet und einzelne Personen werden bloß gestellt.   Damit wendet sich GNTM in erster Linie an junge FLINTA*s. Nicht nur an jene, die sich bei der Castingshow bewerben, sondern auch an FLINTA*s, die die Show vor dem Bildschirm mitverfolgen. Vor allem diese fühlen sich persönlich angesprochen und vergleichen sich mit den in der Sendung verkündeten Idealen und Bewertungen. Sie beginnen, sich in Konkurrenz mit Anderen zu sehen und Abweichungen des eigenen Körpers vom dort repräsentierten Ideal zu verurteilen. FLINTA*s wird unter anderem durch Sendungen wie GNTM vermittelt, dass ein normangepasstes Erscheinungsbild für sie von Bedeutung ist, um Karriere machen zu können und Anerkennung zu erhalten. Ihr Auftrag lautet, sich diesen Schönheitsidealen, egal wie nah oder fern sie scheinen, durch Körperdisziplin anzunähern. Die Reduzierung auf das Erscheinungsbild, verbunden mit der Überhöhung der Bedeutung des Aussehens führt zur Objektifizierung. FLINTA*s lernen sich als passive, zu bewertende Objekte statt als gestaltende Subjekte in der Welt zu begreifen. Die eigene Anerkennung wird von der gesellschaftlicher Bewertung des eigenen Erscheinungsbildes abhängig gemacht. Dies ist gerade deshalb problematisch, weil es als Nährboden für sexualisierte Gewalt und Belästigung dient. "Objekt-sein" bedeutet nicht zu handeln, passiv zu sein. Wir finden es sehr problematisch, dass FLINTA*s diese Rolle zugeschrieben wird, dass ihnen abtrainiert wird, sich zu wehren oder aktiv für sich selbst und die eigenen Grenzen einzustehen. Und genau deshalb sind wir heute hier, um uns zurückzuholen dass wir "Stopp" sagen, dass wir "Nein" sagen, dass wir raus aus der passiven Rolle, rein in die aktive Rolle kommen und dabei für unsere eigenen Grenzen selbst und solidarisch für andere einstehen. Dem angeschlossen sollen junge FLINTA*s sich möglichst ‚sexy‘ zeigen und den Körper als sexuell aufgeladenes Objekt, zur Schau stellen. Was hier passiert, stellt sich als Sexualisierung der Körper von FLINTA*s heraus. Somit werden FLINTA*s zu sexuellen Objekten degradiert und die Möglichkeit auf Selbstbestimmung wird ihnen abgesprochen.  Der Begriff Sexualisierung beschreibt die Fokussierung und das Hervorheben von Sexualität. Beispielsweise werden Produkte, die auf den ersten Blick nichts mit Sex gemein haben, in einen sexuellen Kontext gebracht. Infolge dessen kann mehr Aufmerksamkeit und damit mehr Geld und Einfluss generiert werden. So werden die wirtschaftlichen, kapitalistisch orientierten Interessen der Werbenden vertreten und die Körper von weiblich gelesenen Menschen benutzt. Als Folge davon kann das für uns weiblich gelesene Menschen bedeuten, dass wir sexy sein müssen, aber nicht selbstbestimmt über unsere Sexualität entscheiden dürfen. Deswegen verstehen wir den Kampf gegen Lookismus und gegen GNTM nicht nur als Kampf gegen Diskriminierungen, die am Erscheinungsbild sichtbar werden, sondern auch als Kampf gegen den Kapitalismus. Zorn steht für heftigen, leidenschafltichen Unwillen über etwas als Unrecht Empfundenes, welches dem eigenen Willen zuwiederläuft. FLINTA*s, die ihren ZORN öffentlich zeigen, wird in unserer Gesellschaft häufig vorgeworfen, zu übertreiben und zu emotional oder "hysterisch" zu reagieren. Dem gegenüber wird cis-männliche Wut oft als "natürlicher Ausdruck von Kraft und Stärke" betrachtet. Dieses sexistische Rollendenken wollen wir aufbrechen und unseren ZORN auf Körpernormen sowie auf den sexistischen Normalzustand in die Welt tragen. Ob ihr euren Zorn auf ein Plakat schreibt und damit auf eine Demo geht oder ob ihr es fotografiert und postet, wie z.B. zu unserer Online-Aktion gegen GNTM. Ob ihr mit Bekannten und Verwandten sprecht oder euch gegen sexistische Werbung einsetzt. Egal welche Aktionsform ihr wählt, es macht einen Unterschied! Wir von körperZORN werden auch in Zukunft kreative Aktionsformen finden, denn Wut als Reaktion auf Ungerechtigkeiten und Diskrimierungen ist legitim und ein wichtiger Bestandteil von gesellschaftlichem Wandel! Lasst uns unsere Wut nicht länger verstecken und gemeinsam unserem ZORN über Körpernormen Ausdruck verleihen! Zorn statt Körpernorm. Zorn statt Körpernorm.

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