Sexualität nach Missbrauch


Sexualisierte Gewalterfahrungen sind häufig und die Folgen für die eigene sexuelle, körperliche und psychische Gesundheit sind oft gravierend

Für Menschen, welche von sexualisierter Gewalt betroffen sind und/oder waren ist die Sexualität ein „Ort der Verletzung“. Betroffene Menschen können auch Jahre nach der Gewalttat unter schweren Traumafolgen leiden, welche sich negativ auf die eigene Sexualität auswirken können und Selbstschädigung, Partnerschaftsprobleme, Beziehungslosigkeit, seelischen Krisen oder körperliche Erkrankungen mit sich bringen können (Büttner, 2018, Als würde ich wieder vergewaltigt). 

Vorab ist es wichtig zu beachten, dass nicht jede Gewalterfahrung zu einer sexuellen Störung führen muss und daher nicht automatisch von einer sexuellen Störung bei einer betroffenen Person ausgegangen werden kann. Jede*r Betroffene mit einer erlebten sexualisierten Gewalt geht individuell sehr verschieden mit seinen*ihren Erfahrungen um. Das liegt daran, dass die Arten der Gewalt unterschiedlich und in Abhängigkeit von der sozialen Umgebung, sowie auch der Persönlichkeit der betroffenen Person sind (Ortland, 2008).

Ob es zu einer sexuellen Störung kommt oder wie schwer diese ausfällt, ist von verschiedenen Rahmenbedingungen abhängig. Zum Beispiel von Faktoren, wie die Art und Schwere des Missbrauchs, die Anzahl der Täter*innen, ob sich die Übergriffe wiederholt haben, die eigene und familiäre Vulnerabilität und über die Qualität der Nachfürsorge und Unterstützung nach den Gewalttaten. Es ist von einer sexuellen Störung zu sprechen, wenn ein Leidensdruck, eine Selbstgefährdung der betroffenen Person, oder eine Gefährdung einer anderen Person besteht (Büttner, 2018, Sexualität und Trauma).

Sexuelle Symptome von Betroffenen können als Teilaspekte einer sexuellen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSB) aufgefasst werden. Sexuelles Vermeidungsverhalten nach Missbrauch kann beispielsweise Ausdruck einer sexuellen PTSB sein. Das sexuelle Vermeidungsverhalten, auch Hyposexualität genannt, ist einer der häufigsten sexuellen Störungen nach Missbrauch (Büttner, 2018, Sexualität und Trauma).

Es gibt Menschen, welche nach einer sexuellen Missbrauchserfahrung eine heftige Abneigung gegen Sexualität und sexuelle Aktivität haben (Hyposexualität). Es gibt gleichermaßen  Betroffene, die ein gesteigertes und/oder hochriskantes Sexualverhalten zeigen (Hypersexualität). Ebenso ist es möglich, dass Betroffene sich als „sexuell ambivalent“ beschreiben, da sich bei ihnen Vermeidung und exzessive/riskante Sexualität abwechseln (Büttner, 2018, Als würde ich wieder vergewaltigt).

Eine sexuelle Missbrauchserfahrung kann zu einem Trauma führen, welches tiefe Spuren auf psychischer und physischer Ebene hinterlassen kann. Deshalb nehmen Betroffene oft eine psychotherapeutische Begleitung mit körpertherapeutischen Sitzungen in Anspruch. Ziel der verschiedenen Therapien ist es ein positives Verständnis von Sexualität zu entwickeln und die eigene Sexualität von dem Missbrauch zu trennen. Es wird gelernt den sexuellen Körperbezug zu verbessern und die Bedürfnisse und Grenzen des Körpers wahrzunehmen. Es wird der sexuelle Selbst- und Partnerbezug gestärkt, sowie das Selbst- und Fremdschädigendes Verhalten abzubauen. Man lernt die Traumafolgesymptome zu bewältigen und die Entwicklung einer eigenen authentischen Sexualität (Büttner, 2018, Als würde ich wieder vergewaltigt).


Hyposexualität:

Infolge einer sexuellen Missbrauchserfahrung kann es zu einer heftigen Abneigung gegen Sexualität und sexueller Aktivität kommen. Dies nennt man Hyposexualität. Eine Hyposexualität kann als eine sexuelle Dysfunktion beschrieben werden und lässt sich durch die Abwesenheit von sexuellem Verlangen und von Sexualität charakterisieren. Eine Hyposexualität kann für Personen sehr belastend sein und sich auch negativ auf Beziehungen äußern. Eine Hyposexualität kann als sexuelle Funktionsstörung beschrieben werden und kann vermindertes sexuelles Verlangen oder Erregungs- und Orgasmusstörungen beinhalten (Büttner, 2018, Sexualität und Trauma).

Vermutest du eine Hyposexualität? Das ist in Ordnung und kommt oft vor. Wenn du unter den Folgen oder Symptomen einer Hyposexualität leidest, hast du das Recht auf Hilfe und Unterstützung. Du bist und bleibst wertvoll.


Hypersexualität:

Eine Hypersexualität wird oft als “Sexsucht” beschrieben. Menschen, welche aufgrund eines sexuellen Missbrauchs hypersexuell sind, suchen oft/ständig nach sexuellen Interaktionen und können sich auch schnell in kompromisslosen Situationen wiederfinden oder sich sogar erneut in Gefahr begeben. Betroffene spüren einen ständigen und schwer beherrschbaren Drang zu masturbieren, Pornos oder Cybersex zu konsumieren oder Sex zu haben (Büttner, 2018, Als würde ich wieder vergewaltigt).

Hypersexualität ist ein (meist unbewusster) Versuch den eigenen Körper und die Gefühlszustände nach dem Missbrauch wieder selbst beeinflussen zu können und um die Kontrolle zurückzugewinnen. Unter anderem suchen hypersexuelle Menschen aber auch Akzeptanz und Liebe in sexuellen (Inter-)Aktionen. Nach traumatischen Erlebnissen suchen sie Liebe und Akzeptanz dort, wo sie ihnen genommen wurde. Dieses Verhalten findet man beispielsweise oft bei Menschen wieder, welchen in jungen Jahren missbraucht wurden. Wenn der Akt des Missbrauchs für Kinder die einzigen Erfahrungen von Liebe und Akzeptanz waren, kann es vorkommen, dass diese Kinder auch im Erwachsenenalter ihre Liebe in sexuellen (Inter-)Aktionen suchen (Büttner, 2018, Als würde ich wieder vergewaltigt).

Vermutest du eine Hypersexualität? Das ist in Ordnung und kommt oft vor. Wenn du unter den Folgen oder Symptomen einer Hypersexualität leidest, hast du das Recht auf Hilfe und Unterstützung. Du bist und bleibst wertvoll. 


Literatur:


Büttner, M.: „Als würde ich wieder vergewaltigt“ - Sexuelle Probleme von Menschen mit sexueller Gewalterfahrung. In: Sexuologie 25 (3-4). 2018  http://www.melanie-buettner.de/wp-content/uploads/2020/04/Als-w%C3%BCrde-ich-wieder-vergewaltigt.pdf 

Büttner, M.: Sexualität und Trauma. Grundlagen und Therapie traumaassoziierter sexueller Störungen. 2018. Stuttgart.

Ortland, B.: Behinderung und Sexualität. Grundlagen einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik. Heil- und Sonderpädagogik. Stuttgart. 2008.

Kommentare
* Die E-Mail-Adresse wird nicht auf der Website veröffentlicht.