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Kleines Fach Glossar:

Patriarchat: Eine Art der Gesellschaftsordnung, in welcher der Mann die Übermacht hat. Das gilt dann in Familienkonstellationen, staatlichen Positionen und sozialen Umfeldern und wirkt im Resultat zur Unterdrückung von FLINTA*.

FLINTA* ist eine Abkürzung für Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans* Personen und agender Personen. Das * Asterisk hinter FLINTA* steht für alle, die sich in keiner der vorherigen Bezeichnungen wiederfinden und die nicht cis männlich sind.

Consensual Sex:  ist englisch und bedeutet einvernehmlicher Sex. Also das alle Personen Lust auf Sex haben und gerne Sex haben möchten.


Was ist das Patriarchat und was hat das mit Sexualität zu tun?


Das Patriarchat beschreibt unsere Gesellschaftsordnung, die durch die Machtposition von Männern dominiert ist. Dies beeinflusst Verhaltensweisen, grundlegende Normen und Beziehungen. FLINTA* umfasst alle Personengruppen, die durch diese patriarchalen Strukturen vorwiegend Diskriminierung erfahren. Das heißt der Begriff FLINTA* ist eine Abkürzung für Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans* Personen und agender Personen. Das * Asterisk hinter FLINTA* steht für alle, die sich in keiner der vorherigen Bezeichnungen wiederfinden und die nicht cis männlich sind.

Es finden sich in vielen Feldern der Sexualität patriarchale Strukturen wieder. 


Der Einfluss des Patriarchats auf das Sexleben zeigt sich eindeutig bei der Betrachtung des Orgasmus. 

Der Orgasm-Gap veranschaulicht die Einflüsse des Patriarchats auf heterosexuellen Sex. Laut einer US-amerikanischen Studie, wird deutlich, dass bei heterosexuellen Menschen zwar 95% der Männer in der Regel zum Orgasmus kommen, bei den heterosexuellen Frauen* sind es aber nur 69%.  Bei lesbischen Frauen sind es 86%, bei schwulen Männern* 89% laut der Studie. In vielen medialen Darstellungen von heterosexuellem Sex, werden die Bedürfnisse des Mannes in den Vordergrund gestellt. Oft endet der Sex mit dem Orgasmus des Mannes. Diese Vorstellung kann gesellschaftlich reproduziert werden, sodass die Bedürfnisse und Orgasmen der Person mit Penis einen höheren Stellenwert bekommen.

Die „Orgasm-gap“ kommt auch durch die falsche Darstellung und unzureichende Aufklärung der Vulva und Vagina. Diese unzureichende Aufklärung über die Sexualität von Personen mit Vulva führt dazu, dass sie als schwierig und komplex abgetan wird. Die Anatomie der Klitoris wird oft falsch gelehrt und abgebildet und die Bedeutung der Klitoris, als eines der wichtigsten Lustzentren, außen vor gelassen.


Masturbation hilft vielen Menschen, ihre eigene Sexualität und ihre Vorlieben zu entdecken. Doch das Thema und das Praktizieren der Masturbation ist seit Jahrhunderten ein sehr schambehaftetes Thema für alle Menschen. Dennoch wird dieses Thema noch heftiger bei FLINTA* tabuisiert und das Praktizieren und das Erkunden der eigenen Sexualität oft unterdrückt. Diese starke Tabuisierung und Unterdrückung kann schädlich für die Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität und der damit zugehörigen Emanzipation sein.

Das Kennenlernen des eigenen Körpers und der eigenen Sexualität ist wichtig, um herauszufinden, was für sexuelle Vorlieben eine Person hat. Für uns ist das Finden von eigenen Vorlieben & Selbstbestimmtheit beim Sex eine Rebellion gegen das Patriarchat und wir sehen Masturbation sowie das offene Reden darüber als feministischen Akt. 


In unserer patriarchalen Gesellschaft treten vor allem FLINTA* für ihre sexuelle Selbstbestimmung und die sexuelle Selbstbestimmung anderer ein. Aber es sollte ein Thema sein, welches alle interessiert und sich dafür eingesetzt werden. Jede Person hat das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Doch oft wird diese Selbstbestimmung übergangen. Sobald sexualisierte Handlungen gegen den Willen einer anderen Person oder ohne deren Einwilligung unternommen werden, ist das sexualisierte Gewalt. 

Das Motiv von sexualisierter Gewalt ist nie Sexualität, sondern es ist Macht. Diese Form von Gewalt wird daher oft ausgeübt, um Macht zu demonstrieren, um geschlechtsspezifische Machtverhältnisse zu bekräftigen und trägt dadurch zur Aufrechterhaltung des patriarchalen Systems bei.


Weshalb ist uns der Gedanke Männer* verhüten zu lassen eigentlich noch so fremd? FLINTA* müssen sich mit zu großer Selbstverständlichkeit darüber Gedanken machen, ob sie hormonelle oder mechanische Verhütungsformen verwenden und die Partner*innen auf Verhütung aufmerksam machen. Währenddessen lehnt sich der patriarchal durchwachsene Teil der männlichen Gesellschaft oftmals zurück und sieht Verhütung als “Frauensache” an. Oft wird dann auch noch argumentiert: „Ohne Kondom fühlt es sich einfach besser an!“ Ja, dieses Gefühl kann an dieser Stelle auch keiner Person abgesprochen werden. Jedoch wird vergessen, mit wie viel körperlichem Kraftaufwand und emotionalem Druck das Beachten von Verhütung vor Schwangerschaften und Krankheiten für viele FLINTA* verbunden ist.


Verhütung ist nicht nur Aufgabe der gebärfähigen Person oder Partner*in, sondern auch die Aufgabe jeglicher anderer Personen, mit denen Intimität geteilt wird. Und hier noch ein Hinweis: Die Pille für Männer könnte schon lange existieren; ein Teil der männlichen Gesellschaft ist dieser auch nicht vollständig abgeneigt. Der andere Teil hingegen scheint der Meinung zu sein, dass die Nebenwirkungen der “Pille für den Mann” dann doch unzumutbar sind. Ein perfektes Beispiel für patriarchal gestützte Privilegien und Strukturen.


Durch die mehr als ein Jahrhundert lang gültigen Paragrafen § 218 und § 219a wird deutlich, dass FLINTA* immer noch nicht über ihre eigenen Körper bestimmen dürfen. Diese Gesetze sind bereits seit dem Deutschen Reich Bestandteil des Strafgesetzbuch (StGB). Ein Schwangerschaftsabbruch kann in Deutschland gemäß § 218 Strafgesetzbuch (StGB) immer noch strafbar sein.

Der Paragraf 219a ist ebenfalls weiterhin gültig. Laut dem § 219a StGB ist Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft immer noch verboten. Gebärfähige Personen werden dabei zu Gegenständen patriarchaler Machtverhältnisse. Dadurch wird einer schwangeren Person abgesprochen über den eigenen Körper zu entscheiden. Die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches beruht auf einer historischen Tradition einer patriarchalen Machtstruktur, welche das Selbstbestimmungsrecht der gebärenden Person übergeht.

Wir fordern die sofortige Abschaffung der Paragrafen 219a und 218! Jede Person sollte das Recht haben, eigenverantwortlich darüber zu entscheiden, ob eine Schwangerschaft abgebrochen werden soll.

Ebenfalls ein Beispiel systematischer Ungerechtigkeiten ist zu sehen in der Durchsetzung anderer Gesetze, Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist noch nicht mal seit 25 Jahren strafbar. Erst seit 1997 wurde das Gesetz verabschiedet, welches Vergewaltigung in der Ehe strafbar macht. Politiker wie Friedrich Merz (CDU/ CSU), Horst Seehofer (CDU/CSU) und Volker Kauder (CDU/CSU) stimmten damals im Bundestag dagegen.


All unsere aktuellen Normen rund um Intimität und Sexualität sind das Ergebnis langjähriger Schnittmengen zwischen kolonialen, kapitalistischen und patriarchalen Mächten. Und wir sind noch lange nicht damit fertig uns davon zu befreien!


Stand: Januar 2022



Literatur:

Dirk von Behren. In: Bundeszentrale für politische Bildung: Kurze Geschichte des Paragrafen 218 Strafgesetzbuch. 10.5.2019

Himalaya Balusa: Consent Stained by Patriarchy is Not Black and White. In: Feminist Campus. World’s Largest Feminist Student Network. 28.02.2020

Joyce Dworak: Masturbation «Heilmittel gegen das Patriarchat». In: Freiburger Nachrichten. Freiburg. 12.10.2020

Nadia Boehlen: Sexuelle Gewalt erhält das Patriarchat aufrecht. In AMNESTY – Magazin der Menschenrechte. Juni 2019 

HANNA: Warum Verhütung sexistisch ist. Blogeintrag GRLPWR. 20.02.2021

Frederick, D. A., St. John, H. K., Garcia, J. R., &  Lloyd, E. A. (2017). Differences in orgasm frequency between gay, lesbian, bisexual, and heterosexual men and women in a U.S. national sample.  Archives of Sexual Behavior. doi: 10.1007/s10508-017-0939 

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